Curating Europe – Kuratierung des EU-Projekts Turning the Tide
Persönliche Bemerkungen von Karl Kilian
Die Zukunft gehört Menschen mit gutem Geschmack (?)
Die Künstliche Intelligenz müsse weg von der kalten Logik der Optimierung, hin zur Sphäre der Ästhetik. Das neue Modewort der Branche lautet „Kuration“. Die Zukunft gehöre nicht der Maschine allein, sondern dem Menschen, der sie steuere – vorausgesetzt, er verfügt über das nötige Unterscheidungsvermögen. – So Carlotta Walt in dem Artikel „Die Zukunft gehört Menschen mit gutem Geschmack“ in Der Welt vom 14. Mai 2026.
Menschen mit gutem Geschmack also! Menschen mit „Unterscheidungsvermögen“!
Ob ich dazu gehöre sei einmal dahingestellt, allerdings kuratiere ich seit über zwanzig Jahren, und die letzten 3 Jahre eben auch beim EU-Projekt Turning the Tide.
Mittlerweile wird allerdings alles kuratiert: Instagrambeiträge, Wohnungseinrichtungen, Menüfolgen und irgendwo auf der Welt in einem Elite-Warenhaus sicher auch schon die beste Auswahl an Toiletten- und Feuchtpapier. Die ganze Welt wird kuratiert!
Da wird einem schnell klar: Das Kuratieren an sich nicht so schwer sein kann: Man stellt zusammen, was einem gefällt – Stichwort „Unterscheidungsvermögen“. Wer würde denn nicht von sich behaupten über„guten Geschmack“ zu verfügen?
Frei nach Joseph Beuys und Novalis:
Jeder Mensch ist eine Kuratorin!
Zumindest scheint das so, wenn man betrachtet, wie inflationär dieser Begriff in den letzten Jahren gebraucht wird, sogar in renommierten Zeitungen wie Der Welt!
Nun ist es allerdings so, dass es hier – wie bereites bemerkt – um ein EU-Projekt geht:
TTT – Turning the Tide:
4 Partnerinnen, 2 Kooperationspartner, Laufzeit von 36 Monaten, 10 Künstlerinnen pro Partnerin – also insgesamt 40 (!) Künstlerinnen, dazu Kuratorinnen, Projektbetreuerinnen, Leiterinnen und und und: Allein die Vorbereitung des Projekts – nach der Idee und den initialen grundsätzlichen Überlegungen aller Partnerinnen: Über ein Jahr.
Summa-summarum 4-5 Jahre ungefähr.
Das Projekt analysiert die Auswirkungen des Klimawandels durch kulturelle und künstlerische Methoden. Der geografische und inhaltliche Schwerpunkt liegt auf europäischen Städten an Gewässern und den spezifischen klimatischen Veränderungen in deren Uferzonen.
Ein Projekt mit zeitgenössisch elementaren Themen von inhaltlicher Tiefe, einer beachtlichen Größe und entsprechendem Budget.
Kurz: Eine große Herausforderung!
Hierfür wurde ich gemeinsam mit Elisabeth Kaiser und im zweiten Teil mit Karin Moser als Kurator*innen ausgewählt.
Mein (Um-)Weg zum Kurator
Der klassische Weg ist in der bildenden Kunst über ein Kunstgeschichtestudium: Besonders bei Künstlerinnen der Vergangenheit, aber auch oft bei Künstlerinnen der Gegenwart.
Aber manchmal ergibt sich das auch über den Lebensweg, und Kuratorin war vielleicht nicht mal das, was man anstrebte, weil zum Beispiel wie in meinem Fall: Ich hatte keine Ahnung, was eine Kuratorin macht, dafür kam ich aus dem falschen familiären Umfeld. Meine Stationen in aller Kürze: In Berlin fand ich eines langen Abends um 3 Uhr früh auf der Fahrbahn beim Kottbusser Tor eine von den Autos und dem Asphalt vollkommen zerkratzte Schallplatte: Damit begann ich noch in dieser Nacht mit meinem Plattenspieler Musik aufzunehmen und mich in die Materie der Musikproduktion einzuarbeiten. Zurück in Wien ergab es sich, dass meine Freundschaft mit dem Musiker und Künstler Manfred Engelmayr von Bulbul (Preis der Stadt Wien 2026) durch Zufall dazu führte, dass ich DJ wurde (rhiz, fluc, Club U etc.). Lustige Umstände während eines meiner Konzerte bei einem Festival führte dazu, dass ich mich mit einem Freund an der Kunstakademie Wien bewarb – weil ihm allein der Mut fehlte: Prompt wurde ich genommen. Geschrieben habe ich schon immer und durch Lesungen, Veröffentlichungen in Kunstzeitschriften etc. kannte ich bereits viele andere Autorinnen persönlich. Mein da schon abgeschlossenes Literaturstudium tat sein Übriges.
Mich umgaben also ein illustrer Kreis mit sehr vielen Talenten. Hat man es nicht selber erlebt, man glaubt es kaum, welch kreatives Potential in Wien in Wahrheit unter der allgemein bekannten Oberfläche vorhanden ist: Ein Paradies von Talent, Mut und dem Willen, die Welt zu verändern. Viel, viel mehr, als für die Allgemeinheit sichtbar ist. Und das wollte ich auch sichtbar machen. Präsentieren. Ich hatte soviel Glück gehabt, all diese begabten Menschen und ihre Arbeit kennenlernen zu dürfen: Ich wollte das der Welt zurückgeben.
Just begab es sich, dass ich von der Gründung von otko.tv, dem Wiener Community Sender, hörte: DIE Gelegenheit all meine begabten Freundinnen und Bekannten mit ihrer Kunst, Musik, Literatur, ihrem DJ-ing und VJ-ing etc. in die Welt zu tragen. Ich begann zu Kuratieren, ohne mir dessen bewusst zu sein. Dazu begann ich Ausstellungen zu organisieren, bei denen all diese lieben Menschen ihre Arbeit präsentieren konnten: Es gab Konzerte, Lesungen, DJ-Lines, Podiumsdiskussionen etc. – meist alles zusammen im Sinne eines erweiterten Kunstbegriffs, der §extensiven Kunst“: Der Kreis der Menschen, die ich kennenlernte wurde größer und größer, Mitarbeiterinnen von fm4, diversen Zeitschriften etc. erweiterten mein Feld.
Wir feierten viel, arbeiteten noch mehr und es wurde alles immer größer: Die Kunstserie „sauna – Festival für extensive Kunst“, biennal in den Jahren 2008, 2010 und 2012, präsentierte jeweils über 150 Kunstschaffende. Im jugendlichen Leichtsinn ist alles möglich.
Das Ganze wurde dann institutionalisiert und mit Manuel Gras und Marcus Schober der Verein „Rote Teppich für junge Kunst“ gegründet, der noch immer sehr erfolgreich in der Förderung Kreativer tätig ist.
Auch an der Gründung der Eutopia DJ/VJ-Insel am Donauinselfest war ich beteiligt, als ich für den Verein EUTOPIA von Eva Gotschke arbeitet, auch hier konnte ich mit meiner Expertise in diesen Feldern dienen.
Über die Jahre wuchs Erfahrung und Expertise, dank dieser ich auch in Kunstjurys landete.
So war mit aus einem Jungen, der nicht wusste, was Kuratieren ist, ein Kurator geworden.
Ein Künstler-Kurator: Ein praktizierender Künstler, der zusätzlich als Kurator arbeitet.
Und dann kam das größte Projekt bisher:
Wir müssen neue Wege finden!
Anstatt komplexe globale Herausforderungen wie den Klimawandel und damit verbundene Ressourcenkonflikte isoliert in getrennten wissenschaftlichen Kategorien zu betrachten, wendete das Projekt holistische „TTT – Turning the Tide“ Fragestellungen an: Durch die Leitfrage nach der gesellschaftlich angestrebten Lebensrealität sollen Konzepte für Nachhaltigkeit, Klimagerechtigkeit, CO2-Kompensation und einen gerechten Strukturwandel systematisch abgeleitet werden.
Das zugrundeliegende Konzept zielte darauf ab, die Arbeit von gesellschaftspolitisch engagierten Künstler*innen in vier Städten (Stockholm, Wien, Chalkida, Danzig) zu vernetzen. Dabei sollen über den Austausch der Kulturschaffenden mit der Bevölkerung die Themen Klimawandel und Klimagerechtigkeit neu verhandelt werden, Informationen sollen vermittelt und mögliche positive Zukunftsperspektiven erarbeitet werden.
Schon beim EU-Vorgängerprojekt „I_Improve“, an dem auch die Wiener Bildung Akademie beteiligt war, war ich auf Vorschlag von Bernd Herger zum österreichischen „Changemaker“ auserkoren worden. Dabei entwickelten wir das Projekt und der Verein „Benchmarking – Farben in die Stadt“ – worüber in diesem Magazin bereits berichtet wurde: ZUKUNFT 10/2021
Ich kannte also schon von „I_improve“ die Strukturen, die Arbeitsweise und die Menschen, die an diesem Projekt beteiligt waren, ganz gut: Ich hatte ein großartiges Team kennen gelernt, sowohl national als auch international, und war angetan, wie sich hier Menschen bemühten, unsere Welt besser zu machen. Ein Ansinnen, dass speziell in der heutigen Zeit leider schon fast als weltfremd gelten muss: Um und um erstarkt die neue, menschverachtende Rechte, die Klimawandelleugnerinnen gewinnen an Boden, Sexismen, Xenophobie etc. feiern Urstände, die „dunkle Aufklärung“ greift um sich, die Tech-Elite zieht aus, um nicht nur Teile, sondern die ganze Nicht-Tech-Elite zu unterjochen, der Sozialdarwinismus war noch nie so stark wie jetzt, und dazwischen ein paar Gallierinnen, die nicht aufgeben wollen die aber umso wichtiger sind! Die Gallierinnen, die gemeinhin als Idealistinnen und Weltfremde apostrophiert werden und zusehends der Lächerlichkeit preisgegeben, da es nun endgültig so scheint, als würde der Neoliberalismus alles platt walzen und unter sich begraben.
Geht alles schief, dann fliegen die neuen rechten Eliten zum Mars, der Rest der Menschheit kann auf einem glühenden Planeten darben, den wir einst Erde und unsere Heimat nannten.
Aber: Das Weltfremde hat auch immer Grenzen überschritten und hat Utopien entworfen und die auch zu Realitäten und Wahrheit werden lassen. Also ist Weltfremdheit in seinem konstruktiven Sinne elementar:
Wir sind ausgezogen, um neue Utopien zu finden und diesen Planeten zu retten.
Es klingt größenwahnsinnig, aber nicht weniger muss unser Ziel sein:
Wir MÜSSEN neue Wege finden!
Wir MÜSSEN zusammenarbeiten!
Wir MÜSSEN zusammenhalten!
Wir MÜSSEN sowohl der Natur als auch uns Respekt entgegenbringen!
Wir MÜSSEN die Welt ändern!
Wir MÜSSEN uns ändern!
Das was schon bei „I_improve“ mitklang, wurde nun zur Prämisse erhoben:
Es wurde fleißig ein Nachfolgeprojekt entwickelt und erarbeitet:
Besonderer Dank von meiner Seite an Dr. Liz Gardiner und ihr Team und an Iwona Preiss und ihr Team! Ohne ihre Kraft, Hingabe, Leidenschaft und Unermüdlichkeit sind Projekte dieser Größenordnung kaum umzusetzen!
Aber auch an das österreichische Team – hier ganz besonders an den unermüdlichen Bernd Herger, das mich diesmal von Anfang an mit ins Boot geholt und in den Prozess involviert hatte und ich auch bei der Entwicklung des Projekts dabei sein durfte!
Das was und ist eine sehr bereichernde und lehrreiche Erfahrung für mich: Hatte ich doch noch nie bei einem Projekt solche Budgets und auch durch die Wiener Bildungsakademie und eben Bernd Herger ein Netzwerk, dass bei der Umsetzung so eines Projekts sehr hilfreich ist, wie auch der Vergleich mit anderen europäischen Partner*innen zeigte.
Die Multidimensionalität des Projekts, auch die Größe und der Umfang und die hohen Anforderungen – auch an uns: Schon der Vorbereitungsprozess nahm viel Zeit in Anspruch.Wie wir bald sehen würden: Es hatte sich ausgezahlt, so viel Arbeit in die Vorproduktion zu investieren!
Nun zu unserer eigentlichen Arbeit:
Wie schon erwähnt, gibt es 4 Partnerinnen und 2 Kooperationspartnerinnen:
Das von der Europäischen Union im Rahmen von “Creative Europe” kofinanzierte Projekt “Turning the Tide” (TTT) wird von einem Konsortium aus Intercult (Schweden), Artit (Griechenland), der Wiener Bildungsakademie (Österreich), Dear Hunter (Niederlande) sowie dem Instytut Kultury Miejskiej (Polen) in Kooperation mit Fablevision (Schottland) und dem River//Cities Network durchgeführt.
Davon war es die Aufgabe jedes Partners, 4 „Local Urban Labs“ und 1 „International Lab“ durchzuführen.
Bei den 4 Local Urban Labs wurde jeweils ein Call ausgeschrieben, auf den sich Künstler*innen mit diversen Hintergründen und aus unterschiedlichen Disziplinen, einschließlich, aber nicht beschränkt auf Bildende Kunst, Performance und Multimedia bewerben konnten. Unsere Jury wählte für jedes Local Lab unter Einhaltung der Kriterien des Projekts jeweils zwei Kunstschaffende aus, insgesamt also 8.
Die Menschen einer Stadt machen die Stadt
Die Calls wurden mit allen europäischen Partnerinnen entwickelt, wurden veröffentlicht und durch unsere Netzwerke gejagt, und das Interesse an dem Thema und dem Projekt war erfreulich! Die Einreichungen waren zahlreich und aus diversesten künstlerischen Bereichen: Die Jurymitglieder bekamen die Einreichungen der Künstlerinnen: Alle eingereichten Konzepte wurden durchgearbeitet, analysiert, ob die Projektkriterien erfüllt sind, und ob sie den künstlerischen Ansprüchen Genüge taten.
Bei uns kamen schließlich Kreative aus den Bereichen bildende Kunst, Performance, Film, Literatur, Multimedia, Bildhauerei und Tanz zum Zug.
Zu den 8 „lokalen KünstlerInnen“ der 4 Local Urban Labs kamen noch 2 Künstlerinnen der internationalen Labs:
Diese fuhren als Artist in Residenz für 4 Wochen zu einem Partner, um dort vor Ort zu arbeiten und ihre Projekte zu realisieren. In unserem Falle waren das die Künstlerinnen Gisela Stiegler in Stockholm und Johanne Tienzl auf der Insel Evia in Griechenland.
Zu uns kamen im Gegenzug Künstlerinnen aus Griechenland und Polen. Ich werde in diesem Text auf die lokalen Künstlerinnen und auf unsere Besucher*innen und ihre Arbeit eingehen, ebenso die Obstacles, die sich für uns dabei ergaben, denn hier begleiteten wir die Arbeit die ganze Zeit der Residenz über und konnten Vorschläge und Ideen als Kuratoren einbringen.
Damit man sich hier auch ein Bild machen kann: Einige, absichtlich persönlich gehaltenen Inputfragen der Calls:
Wie nimmst du deine Umwelt wahr?
Was bedeutet dir Nachhaltigkeit?
Wie kann ein Umdenken in Gang gesetzt werden, das zu einem grundlegenden Wandel der Klimapolitik und einem breiten gesellschaftlichen Bewusstsein für Klimafragen führt?
Welche Rolle können hierbei Kunst und Kunstschaffende einnehmen?
Was kann jede*r Einzelne von uns tun, um sich im Bereich Klimaschutz einzubringen?
Im Laufe des Projekts wurde neben den Projektthemen Klimawandel, Nachhaltigkeit etc. auch „social Engagement“ immer wichtiger: Die Künstlerinnen sollten durch ihre künstlerische Arbeit mit den Stadteinwohnerinnen in Kontakt treten und diese einbeziehen. Das Projekt wollte damit die Bürger*innen partizipieren lassen und ihnen eine Stimme geben. Außerdem sollte durch Kunst und Kreativität das Bewusstsein der Bevölkerung für Klimaschutz in Städten, die an Gewässern liegen, erhöht werden.
Dieses „social Engagement“ hatte sich schon bei „Benchmarking – Farben in die Stadt“ als erfolgreich erwiesen und ist auch ein zentraler Unterschied im Ansatz zu herkömmlichen Kulturprogrammen und Artists in Residenz.
Denn die Masse ist es, die entscheidet:
Die Menschen einer Stadt machen die Stadt!
Anny Wass: Das größte Säugetier unseres Planeten oder Von der Bewusstwerdung, die uns hoffentlich rettet!

Wie in alles Local Urban Labs wurden zwei Künstler*innen von der Jury ausgewählt, eine davon war die bildende Künstlerin Anny Wass:
In ihrer künstlerischen Auseinandersetzung mit Seestadt Aspern konzentrierte sich Anny Wass auf die Ressource Wasser, visualisiert durch den Blauwal – das größte Säugetier unseres Planeten. Ihr Ansatz basiert auf der Transformation von Materialien und einer intensiven Farbgebung, inspiriert von indigenen Kulturen Südamerikas und Australiens. Diese Lebendigkeit steht sinnbildlich für Leben und soll die Betrachter auf ökologische Probleme aufmerksam machen.
Der Blauwal erstreckt sich nun seit über 2 Jahre bereist über rund 30 Meter an einer Bauwand am Seestadter See. Das Projekt dient als Wahrzeichen der Gemeinde und Symbol für Umweltbewusstsein. Es verdeutlicht die besondere Rolle der Wale für unsere Ökosysteme: Wale sind Nahrung für Phytoplankton, das jährlich rund 37 Milliarden Tonnen CO₂ bindet – das entspricht der CO₂-Produktion von 1,7 Billionen Bäumen.
Wie sich hier bereits zeigte, sind solch große Projekte im öffentlichen Raum nicht nur eine große künstlerische und logistische Herausforderung, sondern auch eine rein praktische und politische: Wie kriegen wir all die Genehmigungen? Wie ist das mit den Sicherheitsvorschriften? Und hier schon, wie ich es, leider, nur zu gut aus der Kunst und Kultur kenne: Wie finanzieren wir das?
Ja und hier war Bernd Herger mit seiner Vernetzung in seinem Wohnort, der Seestadt, unser Trumpf im Ärmel:
Nicht nur kannte er schon fast alle lokalen Akteure persönlich, und wird von diesen sehr geschätzt, sondern es zeigte sich hier ein ums andere Mal sein Wille, Dinge Wirklichkeit werden zu lassen. Dazu kam auch die Wiener Bildungsakademie (WBA), die als Institution die nötige Kraft im Hintergrund war, die uns immer wieder Türen öffnete. In die Zeit des Projekts viel auch der Führungswechsel in der WBA von Marcus Schober zu Cappar Hajo, die ich beide als große Unterstützer des Projekts Turning the Tide erleben konnte.
Ich kenne und verfolge die Arbeit von Anny Wass seit vielen Jahren, kennengelernt hatten wir uns im damaligen moë in der Ewigkeitsgasse, wir stellten gemeinsam aus. moë war ein sogenannter Aritst-Run-Space, ein erhabener Raum, in dem viel möglich war, viel passierte, viele gute Leute sich kennenlernten und gemeinsam arbeiteten und ihre Visionen in die Realität hieften. Über diese Spaces und Locations sollte vielleicht auch einmal mehr gesprochen/geschrieben werden: Sie sind das Rückgrat aufstrebender, junger Künstlerinnen, die sich erproben wollen: Die Off-Spaces und Eigeninitiativen, die Atelierausstellungen und selbstorganisierten Events, die Untergound-Locations und Non-Profil-Vereine, die durch Selbsthingabe und meist auch Selbstausbeutung für Sichtbarkeit kämpfen und Utopien leben, von denen letztendlich wir alle indirekt zehren. Eine davon was auch „Das Dessous“, Artspace und Galerie, das eben von unserer Preisträgerin Anny Wass gemeinsam mit Gert Resinger 2014 gegründet wurde. Auch ein Ort der Allmöglichkeit, familiär und offen, unzählige Künstlerinnen zeigten ihre Werke, es gab Werkstätten und Ateliers und Diskutieren, Zusammensein, Kooperieren, Feiern und Nachdenken, noch mehr Nachdenken und über das Nachdenken nachdenken.
Ich persönlich schätze Künstlerinnen, die sich auch für andere Künstlerinnen engagieren, sehr. Anny Wass ist hier ein sehr gutes Beispiel.
Aber nicht nur dafür, sondern auch für eine junge, frische, spannende Kunst, die keine Angst vor Farbe und Freundlichkeit hat, aber immer mit einem kritischen Potential, das von der/dem Betrachterin freizusetzen ist. Wir waren uns in der Jury einig: Das Projekt wollen wir, und das wollen wir umsetzen! Anny Wass Portfolio überzeugte, ebenso die Idee, welche – wie viele gute Ideen – simpel, aber effektiv ist. Intelligent, aber eingängig. Ist man nicht besonders an Kunst interessiert, ist es toll, die Buntheit, die schiere Größe, beschäftigt man sich damit, kommt der Sinn, der Inhalt, der Zweck und die Idee begleitet einen idealerweise und führt zu Bewusstwerdung!
Jener Bewusstwerdung, die uns hoffentlich rettet!
Dieser riesige, wunderschöne Blauwal, dessen Da-Sein allein ein Gesehen-Werden, ein Damit-Auseinandersetzen-Müssen provoziert. Kunst hier auch als etwas, das unser tägliches Leben und unser Denken formt und einen Diskurs einfordert. Kunst als etwas Alltägliches, dass der Gesellschaft und den Menschen bei ihrem Dasein neue Perspektiven, Zugänge und Möglichkeiten aufzeigt. Ein Licht in einer Welt, die in diesen Tagen für viele schwer, unzugänglich und auch in ihrem Tun undurchdringlich und undurchsichtig und unbegreiflich erscheint.
Da kann ein Wal mitten in der Stadt ein Change sein. Ein Anker. Eine Hoffnung.
Paul Kitzmüller: Der Einzelne in der Vielfalt

Einen anderen künstlerischen Weg wählte der zweite Preisträger der ersten Runde:
Paul Kitzmüller
Bei seinem Projekt „Der Einzelne in der Vielfalt“ lief nicht alles so linear wir geplant, dieses unterlag einem steten
Wandel:
Das Projekt war ursprünglich als großes Mural im öffentlichen Raum geplant: Er wollte alle Bewohnerinnen der Seestadt in Form von kleinen Männchen auf eine große Wand zeichnen. Diese „Maxerln“, wie Paul Kitzmüller sie liebevoll nennt, sind gerade vorherrschend in seinem Werk. Ich hatte die Arbeit von ihm gar nicht auf dem Schirm, ist Paul Kitzmüller in Linz tätig und auch noch Student. Es waren also gänzlich andere Vorzeichen als bei Anny Wass, aber sein Konzept mit der Wand als Identifikationsfläche für einen ganzen neu erbauten Stadtteil und seinem namensgebenden See machte auf uns einen großen Eindruck und unterstrich die Idee des „social impact“ in der Seestadt, der für uns schon bei Anny Wass gefallen hatte. Die Rezipientinnen waren angehalten, sich selber auf dem Mural zu finden, ein Konzept, das funktioniert und den Menschen Spaß macht, wie wir später selber sehen konnten.
Wir alle hatte eine riesen Lust, dieses Projekt Realität werden zu lassen.
Dazu fanden mehrere Begehungen möglicher Locations in der Seestadt statt, es gab Treffen, Gespräche, unzählige Telefonate etc. mit Verantwortlichen. Und tatsächlich wäre das Projekt auch fast zustande gekommen: Der Ort war gefunden, die Umstände und die Finanzierung geklärt.
Aber leider machte uns dann eine Phase der Krankheit unseres Künstlers einen Strich durch die Rechnung. Selbstverständlich kam es für uns nicht in Frage, einen jungen Künstler im Stich zu lassen. Gemeinsam suchten wir nach einer Lösung, die sowohl dem Projekt, unserem gemeinsamen Anliegen und unseren Zielen und Werten und auch der Kunst und der Kultur gerecht wurden. Dabei entwickelte sich etwas Neues, das aber auf dem bisherigen Konzept und der Einreichung fußte:
Das neue Projekt betont die sozialen Implikationen des Klimawandels und setzt sich dafür ein,
soziale Ungleichheiten zu verringern und die Gemeinschaften zu stärken. Es geht um Sichtbarkeit und Nachhaltigkeit. Paul Kitzmüller hinterfragt in diesem Zusammenhang mit seiner Arbeit Der Einzelne in der Vielfalt soziale Zusammenhänge.
Besonderen Bezug nimmt er dabei auf die Seestadt Aspern, die ein im Bau befindlicher Stadtteil im 22. Wiener Gemeindebezirk, Donaustadt ist. Sie ist aktuell eines der größten Stadtentwicklungsprojekte Europas. Bis in die 2030er Jahre sollen in der Seestadt mehr
als 25.000 Menschen wohnen und mehr als 20.000 Menschen arbeiten. – Der öffentliche Raum nimmt etwa 50 Prozent der Gesamtfläche des Stadtentwicklungsgebiets ein. Die Hälfte davon entfällt auf barrierefrei gestaltete Erschließungsflächen und Plätze, der
Rest auf Grünflächen und Parks. Auf diesen öffentlichen Raum geht Kitzmüllers Projekt besonders ein, weil es in seiner Arbeit um den Austausch der Bevölkerung miteinander als auch mit seiner Kunst geht.
Menschen bewegen sich in Ihren Stadtteilen, gehen einkaufen, Kinder nützen die Freiflächen zum Spielen. Die Infrastruktur wie Schule, Supermärkte, Postamt und weiteres ermöglicht den Einwohner*innen ihr tägliches Leben zu gestallten.
Stadtleben heißt auch Gemeinsamkeiten zu erleben. Sich integrieren, mit seiner Umgebung auch Kompromisse eingehen. Sich seiner Umwelt bewusst sein. Grüne Oasen sind ein wichtiger Bestandteil eines guten Stadtlebens. Bäume und Gewässer
kühlen die Umgebung, ermöglichen sozialen Austausch. Das Projekt “Der Einzelne in der Vielfalt“ zeigt durch großformatige Leinwandbilder in
einem Format von 2,5 m x 1,6 m die Vielfalt der Menschen in der Seestadt. Gezeigt werden kleine Charaktere, wobei jedes Stadtquartier in der Seestadt eine eigene Farbe bekommt.
Die Bewohner können sich in den Arbeiten wiederfinden: Dieses „Wiederfinden“ fand erstmals im Herbst 2024 beim Seestadt Symposium statt.
Der Erfolg gab dem Projekt recht: Die vier Leinwände Kitzmüllers konnten die Besucher begeistern, und besonders Kindern und Jugendliche begannen, sich selbst dargestellt auf den Leinwänden zu suchen. – Die Arbeit wurde zu einem Schmelztigelt von Identität und Leben, Diskurse und Diskussionen wurden durch sie geöffnet, zugleich blieb das Spielerische als integraler Teil der Arbeit.
Seestadt goes international – von Kartopologie, blühenden Booten und Bienen
Im Herbst 2024 war dann der erste Teil des internationalen Austauschs: Marlies Vermeulen und Remy Kroese von der niederländischen Gruppe Dear Hunter kamen nach Wien, aus Griechenland die in New York lebende Künstlerin Jenny Marketou und aus Polen die Fotografin Kamila Chomicz.
Wie bei Artists in Residenz (AiR) so üblich, ging die Arbeit sofort am ersten Tag los, weil die Wochen bei einer AiR verfliegen und am Ende soll ja auch ein Outcome präsentiert werden, bei uns war das das schon erwähnte Seestadtsymposium.
Es wird bei solchen Residencies immer versucht, einen Austausch und ein Miteinander der Teilnehmerinnen herzustellen, aber oft passiert das auch nicht, weil zum Beispiel die Projekte divergieren und keine Berührungspunkte aufweisen, Künstlerinnen oft starke Charaktere mit all ihren Vor- und Nachteilen sind und sie vollkommen in ihrer Arbeit aufgehen, wo links und rechts nichts übrig bleibt, um mit anderen in tieferen Kontakt zu treten. Bei uns war von allem etwas dabei: Die Künstler*innen gingen ihrer Wege, und das muss ja auch nicht zum Nachteil für das Projekt sein.
Dear Hunter – In Wien auf Humboldts Spuren
Die Gruppe Dear Hunter hatte in diesem Projekt einen Sonderstatus und war schon bei der Projektentwicklung dabei: Sie hatten in jeder der 4 internationalen Labs einen 6 wöchigen Aufenthalt, bei dem sie „kartopologische“ Karten erstellten, also alternative Karten und Atlanten.
Der Begriff „Kartolpologie“ setzt sich dabei aus zwei Disziplinen zusammen: Kartografie, also dem Zeichnen und Erstellen von Karten und Anthropologie, der Wissenschaft vom Menschen und dessen Verhalten: Kartopologie (englisch Cartopology) beschreibt demnach die Praxis, ethnografische Feldforschung – also das tiefe Eintauchen in eine Gemeinschaft durch teilnehmende Beobachtung vor Ort – direkt in geografische Karten zu übersetzen. Statt die Erkenntnisse wie in den Sozialwissenschaften üblich rein textlich in Berichten niederzuschreiben, verorten die Forscher das menschliche Verhalten, alltägliche Routinen und die subjektive Wahrnehmung direkt im physischen Raum: Sie leben vor Ort, reden mit den Menschen und entwickeln so erst in situ ihr speziell auf diese Umstände bezogenes Forschungsthema, im Fall von Turning the Tide allerdings immer auf unsere Fragestellungenen bezogen.
Am ehesten mit der Arbeit von Alexander von Humboldt: Er sammelte Daten vor Ort und nutzte Karten nicht nur zur Orientierung, sondern um Zusammenhänge sichtbar zu machen.
Bei Dear Hunter wurde das eine ausladende Karte über den spezifischen Umgang mit Wasser in der Seestadt, von ihrem Ursprung in der Rax oder im Grundwasser bis zur Verwendung vor Ort. Diese wurde auch in höherer Stückzahl produziert und gezeigt und weitergegeben.
Jenny Marketou – Eine alte Zille erwacht zu neuem Leben

Das Ergebnis der griechischen Künstlerin kann sich fürwahr sehen lassen. Aber der Weg dahin war ein langer und auch außergewöhnlich aufwändiger. Als Jenny Marktou für das Projekt ausgewählt wurde, war ihr Projekt ein ganz anderes, als es letztlich wurde.
Das könnte man als Kritik missverstehen, ist aber im Gegenteil eine der stärken des Projekts: Es ist ein Work in Progress. Das Ende ist zwar am Anfang im Call zu beschreiben, aber in Absprache mit den Kuratorinnen schlussendlich doch ergebnisoffen. Etwas, dass als Methode für mich zukunftsweisend ist. Auch ich selber habe in meiner künstlerischen und kuratorischen Praxis mannigfach erlebt, dass die Idee und die Ausführung von einander abweichen. Insofern hielt ich auch nie an der vollkommenen Deckungsgleichheit der Projekteinreichung und dem Endprodukt fest, wie man schon bei Paul Kitzmüllers Arbeit sehen konnte. Kunst ist immer work in progress. Genau das zeichnet für mich auch einen künstlerischen Geist aus: Er ist offen für Neues. Er hat zwar einen Pfad, muss diesem aber nicht dogmatisch folgen: Der Künstler sieht die Blumen am Wegesrand, sieht auch die „Zeichen“ und lässt sich darauf ein. Auch aus der Psychologie weiß man inzwischen, dass das, was man gemeinhin als „Bauchgefühl“ bezeichnet, eine Manifestation unzähliger impliziter Erfahrungen ist, die uns zwar im Moment nicht bewusst sind, aber sich eben im „Bauchgefühl“ ihren Weg an die Oberfläche der Bewusstewerdung schaffen. Und genau dieses „Bauchgefühl“ und diese Suche nach dem Neuen, nach dem Einen, dem Aussagekräftigen belegt den langen künstlerischen Weg, der hinter einer Künstlerin wie Jenny Marketou liegt. Nichtsdestotrotz sind es aber auch die Wegbegleiterinnen, die diesen Weg mitgehen wollen und sollen. Dass es hier zu Friktionen kommen kann, liegt in der Natur der Sache. So war der Weg ein verschlungener und ein Mäandern, Ändern, Neudenken und Abgleiten in scheinbare Nebensächlichkeiten, die sich aber am Ende als großer Erfolg herausstellte. Was jetzt im Nachhinein so klar erscheint, war ein langer Weg für alle Beteiligten: Es mussten viele Türen geöffnet werden und viele Wege beschritten werden, nicht alles fand Eingang in die Arbeit. Und zum Teil schien es unmöglich:
Jenny Marketou hatte eine über 120 Jahre alte, ausrangierte Zille, die einst die Donau befuhr, gefunden: Allein der Transport der Zille war eine kleine Odyssee und ohne die vereinten Kräften aller wäre das Unterfangen wohl zum Scheitern verurteilt gewesen.
Aber wie heißt es so schön: Was lange wärt wird endlicht gut.
Und es war gut:
Dank der helfenden Händen vieler, haben wir nun ein Boot, oder besser: eine lebende Skulptur in der Seestadt: The Belly of the Garden
Das bepflanzte historische Boot fungiert an dem künstlich angelegten Seestadtsee als ein physisches und metaphorisches Gefäß, welches das Element Wasser als lebendiges Archiv ökologischer und persönlicher Geschichten thematisiert. Nach dem winterlichen Stillstand entfaltet das Kunstwerk im Frühling durch das Erblühen der Vegetation eine regenerative Wirkung im öffentlichen Raum. Das Projekt verbindet die historische Dimension der Flusslandschaft mit aktuellen Diskursen über urbane Nachhaltigkeit. Als Schnittstelle zwischen Natur und Kunst lädt die wachsende Skulptur die Passantinnen und Passanten zur Reflexion über das kollektive Zusammenleben und den ökologischen Wandel ein.
Mittlerweile ist „Inside the Belly of the Garden“ nochmal übergesiedelt und ist nun Teil der Seepromenade.
Kamila Chomicz – Tierwelt Seestadt

Ganz anders stellte sich die Zusammenarbeit der polnischen Künstlerin Kamila Chomicz dar:
Sie widmet sich in ihrer Arbeit der Fauna, besonders den Bienen: In Wien erforschte sie die urbane Ökologie in der Wiener Seestadt Aspern.
Sie hatte schon für frühere Arbeiten Wien besucht und hatte hier auch schon wichtige Kontakte für ihre Arbeit aufgetan, auf die sie zurückgreifen konnte: Kamila Chomicz hat einen wissenschaftlichen Hintergrund in Biologie und untersuchte während ihrer Residenz das Leben Tiere und deren Anpassungsstrategien an den künstlich geschaffenen urbanen Raum: Sie dokumentierte die Tierwelt sowie die Biodiversität rund um den Seestadt-See.
Sie machte dabei auch Interviews mit wiener Kapazitäten zu diesem Thema und konnte so in ihrer künstlerischen Praxis „aus dem Vollen schöpfen“.
Das Ergebnis dieser partizipativen Forschung ist ein Film- und Fotoprojekt, das die fragile Balance und die notwendige Koexistenz von Mensch und Natur in modernen Stadtentwicklungsgebieten visuell erfahrbar macht. Ihre Arbeit plädiert nachdrücklich dafür, den Schutz der lokalen Fauna und Flora als integralen Bestandteil in die zeitgenössische Stadtplanung einzubeziehen.
An dieser Stelle großen Dank für ihr Engagements an Gabriele “Gabi” Plank von der Kulturkommission und Bulls Service, Ingrid Spörk und Lenka Recken von Wien 3420 aspern Development und natürlich Gunther Laher vom Programm Management Stadt Wien. Sie alle begleiteten das gesamte Projekt und ohne sie wäre vieles nicht möglich gewesen!
Daniel Böswirth – Die Kunst der Vergänglichkeit

Nun folgte die zweite Runde der lokalen Labs, das Rennen machten zwei Daniels:
Daniel Böswirth und Daniil Sukhovs
Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich den Namen des Autors und Künstlers Daniel Böswirth so gar nicht auf dem Radar hatte. Umso dankbarer bin ich, dass er sich bei uns mit einem Projekt bewarb, das auf einer sehr einfachen, aber meiner Meinung nach genialen Idee basiert: Das Projekt macht die klimatischen Veränderung auf einer Ebene erfahrbar, die tatsächlich für jede*n sichtbar ist. Im wahrsten Sinne des Wortes: Im Rahmen seiner interaktiven Workshops, auch in unserer Ausstellung wurde das Publikum eingeladen, mit Pinsel und Wasser auf Steinplatten zu zeichnen. Ein wichtiger Aspekt war dabei allerdings der Einfluss von Temperatur: Es standen einander zwei Steinplatten gegenüber: Eine normal temperierte und eine auf 50 °C erwärmte Steinfläche!
Auf normal temperiertem Stein verging die Zeichnung so gut wie gar nicht, allerdings auf der mit 50° C verpuffte das Wasser richtiggehend: Zack und weg!
Und der Clou daran: Er zeigt so die Gefahren des Klimawandels, der Erhitzung unseres Heimatplaneten, unserer Welt. Und er zeigt es nicht nur, sondern die Leute agieren selbst in dieser immersiven Arbeit. Sie selber Malen und spüren die ausgestrahlte Hitze der erwärmten Platte.
Manche von ihnen werden Bleich, wenn so klar vor Augen geführt wird: So kann die Klimakatastrophe aussehen, wenn wir nichts unternehmen!
Selbstverständnis beeindruckt Daniel Böswirth mit dieser Arbeit, wenn er damit in Klassen geht und den jungen Menschen die Möglichkeit gibt, diese Erfahrung zu machen.
Eindrücklicher kann meiner Meinung sozial-ökologische Kunst kaum sein.
Denn die Zeichnungen hatten kaum Bestand hatten; so wurde der physikalische Prozess des Klimawandels sinnlich erfahrbar gemacht.
Durch solche Aktionen verbindet Turning the Tide künstlerische Kraft mit ökologischer Dringlichkeit und öffentlichem Interesse. Kunst wird nicht als reiner Selbstzweck verstanden (welche für mich im Sinne des extensiven Kunstbegriffs allerdings absolut seine Berechtigung hat), sondern als Medium, das Zugänge schafft zu komplexen Fragen der Nachhaltigkeit, Wasserpolitik und sozialer Verantwortung: Eine subtile Auseinandersetzung auch mit unserer Vergänglichkeit.

Daniil Sukhov – Milchwasser und Der Geschmack der Herkunft
Daniil Sukhov reichte ein Kurzfilmprojekt und die Idee einer Performance ein und produzierte während der drei Monate Arbeitszeit den Kurzfilm „Milk Water“ und zeigte mit seinen Performances „Geschmack der Herkunft“, wie geschmackvoll Wasser tatsächlich ist.
Daniil Sukhov ist auch ein sehr junger Künstler, der damals knapp 25 Jahre alt war. Wie Paul Kitzmüller studierte er während des zweiten Local Urban Labs noch.
Er ist mit seinem Bruder Nikita Sukhov, einem Maler, der gerade kurz vor seinem Durchbruch steht – watch out! – einer der Grüner der Wiener Künstlerinnenkollektive Art Kolkhoz und Die Blaue Horde: Zwei künstlerische Kultur-Plattformen, die Ausstellungen im In- und Ausland, Kunstreisen etc. organisieren und so auch die Kunst der heimischen Szene in die Welt tragen und anderen Künstlerinnen Sichtbarkeit verschafft.
Daniil Shukovs eingereichtes Portfolio zeigte einen jungen, mutigen Künstler, der bereits mehrere künstlerische Filmarbeiten vorzuweisen hatte, die für sein Alter eine beeindruckende thematische Tiefe und Vielseitigkeit ausweist. Auch seine eingereichten Projekte überzeugten die Jury:
Auch seine für das Projekt entwickelten Performances zeichnen sich durch einen niederschwelligen Zugang zum Thema aus: Bei „Geschmack der Herkunft“ lässt er das Publikum verschiedene Wasserproben aus verschiedenen Anbietern verkosten: Fiji Wasser, Römerquelle, Waldquelle etc. aber auch das Wasser aus den wiener Hochquellenleitungen, das wir in Wien das Glück haben konsumieren zu dürfen. Wieder stand der Aspekt des persönlichen Erlebens im Vordergrund: Der eigene Mund der Forschungsraum, die eigenen Geschmacksnerven das Testinstrument.
Und wie das bei Geschmäckern üblich ist: Da kam es schon zu Diskussionen, heftigen und sehr unterhaltsamen Diskussionen. Das ist auch eine Stärke dieser Arbeit: Nicht nur ist sie immersiv, sondern sie führt auch zu Kommunikation, Auseinandersetzung: Ist unser Geschmackssinn auch ein Instrument, um die Qualität des Wassers zu beurteilen? Ist unser Geschmack auf Gewohntes geeicht? Und natürlich immer im Raum: Wir müssen diese Qualität des Wassers in Österreich erhalten!
Denn eines ist klar zu sagen: Das Wiener Hochquellwasser hatte fast immer die Nase vorn oder war zumindest ex aequo Erster oder Zweiter. Auch viele Nicht-Wiener*innen und Ex-Pats kamen zu diesem Ergebnis.
Adrian Dorfmeister-Pölzer und Simeon Ohlsen – Die Poesie der Hingabe

Beim dritten Local Urban Labs wurden drei Künstler*innen von der Jury ausgewählt:
Der Filmemacher Hans Hofer und das Tanz- und Choreografieduo Adrian Dorfmeister-Pölzer und Simeon Ohlsen
Als Kurator war das Projekt für mich Tanz etwas völlig Neues: Zwar besuchte ich zeitgenössischen Wiener Tanz- und Performanceszene, kenne hier auch einige durch Überschneidungen schon länger, aber selber kam diese Kunstform in meiner Arbeit als Kurator nie vor. Vielleicht hatte ich mir einfach auch nicht zugetraut, so etwas beurteilen zu können?
Mir gefielen die Ideen im Konzept von Adrian Dorfmeister-Pölzer und Simeon Ohlsen gut, auch ihre bisherige Arbeit, und als dann die Jurysitzung kam, da war schnell klar: Das kann was! Das erweitert uns und unser Projekt: Springen wir ins kalte Wasser (des Seestadtsees) und realisieren wir das!
Ins kalte Wasser des Seestadtsees sprangen die beiden Künstler*innen dann wortwörtlich:
In ihrer künstlerischen Auseinandersetzung mit der Seestadt Aspern konzentrierten sich Adrian Dorfmeister-Pölzer und Simeon Ohlsen ganz auf die Ressource Wasser, choreografisch übersetzt durch das Tanzstück „Do you relate?“: Sein Ansatz basiert auf der Verschmelzung von Bewegung, Klimabewusstsein und ortsspezifischer Performance: Diese tänzerische Dynamik steht sinnbildlich für Leben und das ökologische Spüren und soll die Betrachter auf fundamentale Umweltprobleme aufmerksam machen.
Das Projekt diente als bewegtes Zeichen auf Zeit und als Symbol für Umweltbewusstsein. Es verdeutlicht die besondere Rolle des Wassers für unsere urbanen Ökosysteme: Der See fungierte hierbei nicht bloß als Kulisse, sondern als aktiver ökologischer Partner und Teilnehmer. Das Publikum war eingeladen, die Wirkung des Gewässers neu und in einem anderen – für viele unbekannten – Kontext der Tanzperformance zu erfahren: Ein kollektives Ritual der Reflexion über Wasser und Zugehörigkeit in modernen Stadtentwicklungsgebieten.
Ohne Worte, nur miteinander tanzende Körper, die auf metaphorische ArtFragen verhandeln wie: Wie begegnen wir Wasser: Als Ressource, als Spiegel, als Umgebung, als Reinigendes und Dienendes? Was, wenn Wasser selbst eine (Tanz-)Stimme hätte – eine Geschichte, die es mit sich trägt? Welche Erinnerungen und unsichtbaren Spuren fließen durch dieses Element, ohne dass wir sie sehen? Wie kann das in der Harmonie und der Disharmonie menschlicher Körper im Tanz verhandelt werden?
Gemeinsam destilierten Simeon Ohlsen und Adrian Dorfmeister-Pölzer daraus eine Performance, eine künstlerische Praxis , die ganz auf das ganzheitliche Zuhören, die Nähe und die Responsivität setzt.
Ihr flüchtiges Tanzstück, dass auch die Menschen der Seestadt, die vorbeikamen, anhielten und dieses ephemere Kunstwerk beobachteten, in ihren Bann zog: Die Poesie der Hingabe, des Loslassens, des Tanzes.
Hans Hofer – Doch was selbstverständlich erscheint, ist zerbrechlich

Der Fotograf und Videomacher Hans Hofer hat für das Local Urban Lab 3 das filmische Kunstprojekt „See Grundl“ umgesetzt. Der Kurzfilm ist ein sehr persönlicher von Hans Hofer:
Denn Hans Hofer lebt nicht nur in Wien sondern auch im Ausserland im steirischen Salzkammergut, wo auch der Film spielt und dessen Seen, die umliegenden Berge und die Umwelt elementare Figuren im Film sind. Der in edlem, hochauflösenden Schwarz-Weiß gehaltene Kurzfilm, bringt dabei die Lebendigkeit der Umwelt zum Ausdruck, die poetischen Bilder sprechen zu uns: Wasser, Nebel etc. werden vor unseren Augen lebendig, ein Abbild der Ewigkeit möchte man in seinem filmischen Adagio sagen, ein filmisches Gedicht.
Und darin: Ein Mensch: Detailaufnahmen des Kopfes, ein Sprung in den See, der Mensch und das Element: Der Vater von Hans Hofer.
Reinhard Hofer, der als Meeresbiologe den höchsten Bezug zu Wasser und Umwelt und dem Leben darin hat. Aber auch zu dem See, an dem er im Salzkammergut lebt.
Ein Video mit ganz viel Liebe zu Natur, Nachhaltigkeit und dem Leben. Liebevoll gestaltet, wunderschöne Aufnahmen, die die Kostbarkeit unseres Wassers in tolle Bilder verpackt. Danke für die schönen Eindrücke und den positiven Zugang zu diesem wichtigen Thema ️ (Kommentar von @FranziskaSili auf YouTube)
Sebastian Schmidt & Victoria Becker – How much is the Water?

In der vierten Runde der Local Urban Labs entschied sich die Jury sogar für zwei „Duette“:
Reinhold Zisser & Sonya Darrow und Sebastian Schmidt & Victoria Becker
Mit Victoria Becker und Sebastian Schmidt schaffte es erneut ein junges Tanzduo in unser Projekt, besonders reizte uns, dabei die erneute Realisierung im öffentlichen Raum, aber diesmal mit Live-Musik-Begleitung und mitten in der Stadt: An einem Samstag Nachmittag auf der Mariahilfer Straße.
Entwickelt wurde die Arbeit in mehreren Workshops, in denen Sebastian Schmidt und Victoria Becker gemeinsam mit Teilnehmer*innen recherchierten, diskutierten und erprobten, wie sich ein abstraktes Thema wie der Ressourcenverbrauch von KI in eine körperlich erfahrbare Form übersetzen lässt. Die Workshops waren dabei nicht nur Vorbereitung, sondern ein wesentlicher Teil des künstlerischen Werks selbst: Sie öffneten einen Raum, in dem Wissen, Wahrnehmung und Bewegung ineinandergreifen konnten. Aus Gesprächen über Technologie, Infrastruktur und Umwelt entwickelt ihre Performance Schritt für Schritt eine gemeinsame performative Sprache.
Dann war es so weit: Die Performance wurde am Platz der Menschenrechte am unteren Ende der Mariahilfer Straße uraufgeführt: 4 Menschen, schwarz gewandet, im einkaufswahnsinnigen Nirgendwo, zwei beginnen zu tanzen, Musik setzt ein, erste Menschen bleiben stehen, beginnen zuzusehen, es werden immer mehr, losgelöst von ihrer eigentlichen Aufgabe: Dem Kaufen-Müssen, enthoben ihrer selbst, fasziniert von dem enigmatischen, was sich vor ihren Augen und Ohren abspielt, immersiv, mitgenommen auf eine Reise, enthoben des Alltags.
Reinhold Zisser & Sonya Darrow – Wasserskulpturen

Den Abschluss machten mit Sonya Darrow und Reinhold Zisser zwei „alte Hasen“ der bildenden Kunst. Sonya Darrow neu zugezogen aus den USA, Reinhold Zisser ein etablierter Künstler, den ich schon viele Jahre kenne und dessen Arbeit ich außergewöhnlich schätze. Wenn Sie ihn noch nicht kennen: Bitte schauen Sie online, Sie werden Augen machen, was für großartige Kunst in Wien möglich ist! – Wie auch von all den anderen Künstlerinnen, die ich hier präsentieren darf! Zurück zu Reinhold Zisser: Auch er betreibt mit LLLLLL seit vielen Jahren einen artist run Kunstspace, der mittlerweile in der Seestadt beheimatet ist und wo ich ihn im Zuge der Umsetzung unserer Projekte vor Ort auch wieder in persona getroffen habe. Seine Arbeit und seine Entwicklung hatte ich immer im Auge behalten, denn für mich ist es ein wesentlicher Teil der Arbeit als Kurator, neben der Förderung bzw. dem „Entdecken“ von neuen Talenten, diese auch zu begleiten oder sie zumindest im Auge zu behalten. Umso mehr freute ich mich da über das Projekt der beiden in den Einreichungen und auch über die Qualität der Arbeit, welche uns alle überzeugte: Eine Workshopreihe mit Exkursionen: 3 aufeinanderfolgende Workshops innerhalb knapp eines Monats, jeweils eine Spaziergang zu den Orten mit anderen Künstlerinnen, Forscherinnen und allen anderen interessierten Teilnehmerinnen als Gästen. Jeder war eingeladen und konnte partizipieren. Das gemeinsame Spazierengehen und die Auseinandersetzung mit unserer Umwelt hatte schon bisher einen fixen Platz in Reinhold Zissers Arbeit, auch Sonya Darrow als Folk Artist und Gründerin des „Folklore’s Not Dead Movement“ arbeitet mit Natur, Menschen, Ritualen. So etablierte ihr gemeinsames Projekt ein dreimaliges Ritual des Treffens: Gemeinsames Spazierengehens zu einem ausgewählten Ort, an dem jeweils ein ortsspezifischer Workshop stattfand: Workshop 1 am Brigittenauer Sporn / Nussdorfer Wehr inkl. BOKU Wasserlabor, Workshop 2 am See in der Seestadt Aspern (See) und Workshop 3 beim Wasserwerk Lobau. Im Rahmen des ersten Workshops wurden alle Teilnehmerinnen dazu eingeladen, eine 1,5-Liter-Flasche mit Wasser aus der Donau zu befüllen. Beim zweiten fand dann ein gemeinsamer Wasseraustausch des Wassers in den Flaschen statt und verband so Donau- und Seestadtwasser. Den Abschluss des dritten Workshops bildet ein erneuter Wasseraustausch: Die TeilnehmerInnen mischen einen Teil ihres Seestadt-/Donauwassers mit Wasser aus der Lobau.
Anschließend waren alle Teilnehmenden eingeladen, zur Abschlussausstellung selber Arbeiten zu machen: Die über alle Workshops hinweg begleiteten Wasserflaschen bildeten die Basis der finalen Arbeiten. Die Form der Präsentation war dabei offen: Von kurzen Texten, Bildern, Fotografie bis hin zu installativen oder performativen Arbeiten.
Die beiden Künstlerinnen Sonya Darrow und Reinhold Zisser begleiteten die Teilnehmerinnen auf Wunsch in der Vorbereitung auf diese Abschlusspräsentation.
Es war ein Fest!
Und ein würdiger Abschluss unserer gemeinsamen Reise.
Kunst: Ein Akt der Freiheit, ein Akt der Hoffnung, ein Akt des Menschseins
Ich hoffe, ich konnte einen kleinen Einblick in das Projekt Turning the Tide und meine Arbeit als Kurator geben.
Vielleicht konnte ich Sie auch begeistern und Sie wollen online noch mehr über das Projekt und die Künstlerinnen erfahrenl: Artisttalks mit „unseren“ Künstlerinnen auf der Webseite der Wiener Bildungsakademie, dazu die genannten Videos und ausführliche Berichte (https://wiener-bildungsakademie.wien/category/turning-the-tide/), auch aller anderen Partnerinnen und ihrer Künstlerinnen und deren Arbeiten.
Im Herbst wird dazu auch eine eigene Ausstellung online eröffnet.
Dieses Projekt neigt sich zwar dem Ende zu, aber am Nachfolger wird schon heftig gearbeitet: Wir werden weitermachen! Wir wollen weitermachen!
Stellen wir uns dem gerade grassierenden Wahnsinn mit Vernunft und Kunst und Menschliebe und Empathie entgegen: Gemeinsam und vereint!
Kunst als Gegenentwurf zur derzeitigen Weltmisere, als Akt der Freiheit, als Akt der Hoffnung, als Akt des Menschseins.
Machen wir Kunst, bringen wir Menschen zur Kunst und hören wir niemals damit auf!
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