Zwischen verbrannter Erde und neuen Wurzeln: Wie Kunst in Evia Hoffnung pflanzt

Im Angesicht wachsender globaler Krisen braucht es Räume für Begegnung, Austausch und kreatives Denken. Einer dieser Räume entstand im Mai 2025 auf der griechischen Insel Evia, wo sich das Evia International Lab dem kollektiven Erinnern und der künstlerischen Bearbeitung ökologischer Zerstörung widmete. Mitten in diesem vielschichtigen Projekt: ein Team der Wiener Bildungsakademie (WBA) – bestehend aus Vizedirektorin Karin Moser, Projektverantwortlichem Bernd Herger und technischem Mitarbeiter Nico Seidl.
Evia und die Brände von 2021: Verwüstung, Verlust und Widerstand
Die Landschaften Nord-Evias tragen noch immer die Spuren einer Katastrophe, die sich tief in das kollektive Gedächtnis eingeschrieben hat. Im Sommer 2021 erlebte die Insel eine der schlimmsten Umweltkatastrophen in der jüngeren Geschichte Griechenlands. Unkontrollierbare Waldbrände zerstörten über 50.000 Hektar Wald, Olivenhaine, Häuser und Lebensräume. Besonders betroffen waren ländliche Gemeinden, deren Bewohner:innen teilweise ihre gesamte Existenz verloren.
Die Brände führten nicht nur zu massiven materiellen Schäden, sondern auch zu einer tiefen ökologischen Erschütterung: Lebensräume für Tiere verschwanden, der Boden wurde instabil, und das Risiko für nachfolgende Naturkatastrophen wie Überschwemmungen stieg rapide an. Die Bevölkerung war – und ist – mit immensen Herausforderungen konfrontiert: Wiederaufbau, ökonomische Erholung, psychologische Verarbeitung und das Ringen um eine Zukunft unter veränderten klimatischen Bedingungen.
Ein Labor für kollektives Lernen und Heilung: Das Evia International Lab
Vor diesem Hintergrund wurde das Evia International Lab im Rahmen des EU-Projekts Turning the Tide ins Leben gerufen – als Plattform, die Kunst, Forschung und zivilgesellschaftliches Engagement zusammenführt. Ziel des Labs ist es, kreative Ansätze für einen gemeinschaftlichen Umgang mit Umweltkrisen zu entwickeln und dabei insbesondere die Perspektiven und Erfahrungen lokaler Gemeinschaften sichtbar zu machen. Im Zentrum steht die Frage: Wie kann Kunst dazu beitragen, gesellschaftliche Resilienz zu fördern und neue ökologische Narrative zu entwickeln?
Das Lab fand vom 14. bis 16. Mai 2025 in Chalkida statt und gliederte sich in drei aufeinander aufbauende Tage: Eine öffentliche Konferenz mit Beiträgen von Wissenschaftler:innen, Künstler:innen und lokalen Akteur:innen eröffnete die Veranstaltung. Es folgten Studienbesuche in vom Feuer zerstörten Regionen sowie eine abschließende Ausstellung unter dem Titel Íchni – Memories of the Future, die während der künstlerischen Residenzen entstandene Werke präsentierte.
WBA vor Ort: Begegnungen mit Politik und Netzwerkpartner:innen
Noch vor dem offiziellen Programm besuchte das WBA-Team die George-Papandreou-Stiftung in Athen. Im persönlichen Austausch mit dem ehemaligen Premierminister George Papandreou diskutierten die Delegierten der Akademie über die aktuellen gesellschaftlichen Herausforderungen in Griechenland, insbesondere über die politischen Dimensionen des Klimawandels und die Bedeutung von Kulturarbeit als Mittel gesellschaftlicher Verständigung.
Ein weiteres wichtiges Treffen fand mit dem Netzwerk River//Cities statt, das kulturpolitische Strategien in europäischen Flussstädten entwickelt. Der Austausch legte den Grundstein für zukünftige Kooperationen und stärkte das Engagement der WBA für europäische Partnerschaften im Bereich kultureller Transformation.
Kunst aus Österreich: Johanna Tinzl in Evia
Ein besonderes Highlight des Labs war die Beteiligung der österreichischen Künstlerin Johanna Tinzl, die über das Residenzprogramm von Turning the Tide eingeladen wurde. Tinzls Arbeit ist bekannt für ihre kritische Auseinandersetzung mit Machtstrukturen, Grenzräumen und der Rolle öffentlicher Erinnerung. In Evia konzentrierte sie sich auf die materiellen und symbolischen Narben, die die Brände in Landschaft und Gesellschaft hinterlassen haben.
Ihre Interventionen – darunter ortsspezifische Installationen und performative Elemente – thematisierten sowohl Zerstörung als auch Heilung. Im Dialog mit lokalen Bewohner:innen entstand ein Werk, das nicht nur dokumentiert, sondern transformiert: Es macht sichtbar, was oft übersehen wird, und eröffnet Räume für Empathie und Mitgestaltung.
Pflanzen als Geste der Verbindung
Ein besonderes Element des Labs war der Aufruf an Teilnehmer:innen, eigene Pflanzen und Samen mitzubringen, die vor Ort in einer gemeinsam geschaffenen Garteninstallation eingesetzt wurden. Diese symbolische Handlung spiegelte den Geist von Turning the Tide: kulturelle Teilhabe, kollektive Fürsorge und der Wunsch, durch kleine, konkrete Gesten neues Leben zu säen – buchstäblich und im übertragenen Sinn.
Fazit: Europäische Kulturarbeit mit Tiefgang
Die Teilnahme am Evia International Lab markiert für die Wiener Bildungsakademie einen wichtigen Meilenstein im Projekt Turning the Tide. Die Begegnungen vor Ort, die intensiven Diskussionen, das Erleben der zerstörten und zugleich kraftvoll widerständigen Landschaft – all das hat Spuren hinterlassen. Als Bildungsinstitution sieht sich die WBA bestärkt darin, Kunst als Werkzeug sozialer Transformation zu begreifen und Räume zu schaffen, in denen neue Perspektiven auf Umwelt, Gesellschaft und Zusammenleben erprobt werden können.
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